Ein großer Traum von Bildung

Bericht über unseren Nepal-Einsatz im November 2013

von Verena Wilkesmann

18.11. Kathmandu 

Mit Air India landeten wir am 18.11. nachmittags in Kathmandu. Mit dabei waren auf dieser Reise mein frisch vermählter Mann Rainer, Miriam Garufo - Journalistin des Bayerischen Rundfunks, Max Kratzer als Fotograf, unser Freund Christian und mein Schwiegervater Helmut, der uns mit seinen 76 Jahren stets mit einem Lächeln im Gesicht über die Berge vorauswandern wird. 

Unser Mitarbeiter Dawa Sherpa und seine Frau Lhemi holten uns mit einem Minibus vom Flughafen ab. Die Straßen wirkten entspannt, es waren nur wenige Fahrzeuge unterwegs, kaum Hupen und Hektik, wie wir das sonst gewohnt sind. Dies waren Auswirkungen der morgigen Wahl – es ist „Bhandar“ – Streik in Nepal. Die Menschen sollen sich möglichst wenig fortbewegen. 

Am Abend besuchten wir die Stupa in Boudhanath. Sie wurde zum Sonnenuntergang von unzähligen buddhistischen Pilgern umrundet, die sich für das Vollmondfest hier eingefunden hatten. 

Im Stupa View Restaurant trafen wir dann Benjamin. Er war für drei Monate als Volunteer in unseren Projekten tätig. Benjamin erzählte begeistert von seinen Erlebnissen und Erfahrungen beim Englischunterrichten in der Schule in Sekar Sing und im Kloster Mendok Pakea in Chialsa.

 

19.11. Kathmandu 

Heute wurde in Nepal gewählt. Das Land befand sich im Ausnahmezustand. In den letzten Tagen wurden immer wieder kleinere Bomben in den Straßen gefunden, die höchstwahrscheinlich von Maoisten zur Abschreckung gelegt wurden. Der Verkehr kam zum völligen Erliegen, nur Militär, Polizei und Wahlbeobachter mit Sondergenehmigung durften sich motorisiert fortbewegen. In den Straßen wanderten viele Menschen umher, die Stimmung wirkte gelöst und entspannt – Kinder spielten auf den Hauptstraßen Fußball oder Badminton. Mittags trafen wir unseren ehemaligen Mitarbeiter Ngima in Boudhanath, der uns mit seiner bezaubernden kleinen Tochter und seiner Ehefrau Mingma besuchte. 

Am Abend waren wir bei Tulku Pema Tarchhin Lama, dem Abt des Kloster Serlo, zum Essen eingeladen und diskutierten die aktuellen Projekte.

  

20.11. KTM-Phablu-Chialsa-Garma

5:30 Uhr, wir trugen unser Gepäck auf die Straße und warteten auf Dawa, der mit uns zum Flughafen fahren würde. Erst um kurz vor sechs kam Dawa mit dem Motorrad. Er hatte erhebliche Schwierigkeiten, aufgrund des Streiks ein Taxi zu finden.  Am Flughafen wurden wir nach wenigen Minuten Wartezeit bereits zum Ausgang gerufen. Dort stiegen wir in einen Jeep, der uns quer über den Flughafen zum Helikopter brachte. Da der Zielflughafen in Phablu seit einigen Monaten außer Betrieb ist, kann er nur per Helikopter angeflogen werden und nicht mit den kleinen Passagiermaschinen. Der Flug war wunderschön, strahlend blauer Himmel und eine großartige Aussicht.

In Phablu trafen wir unseren Chairman Sonam Gyalzen Sherpa und seinen Assistenten Jyangme. Wir wanderten direkt weiter nach Chialsa. Auf dem Weg dorthin trafen wir kurz Chokleg, den versantwortlichen Khenpo des Klosters Mendok Pakea. Einige der Mönche waren im Nachbarkloster, denn dort wurde eine große Puja zur Einweihung einer neuen Stupa vorbereitet.

Im Mendok Pakea Kloster in Chialsa begrüßten uns sieben junge Mönche und bekochten uns mit Rara-Noodle-Soup. Wir besichtigten die Anlage. Immer noch leben die Mönche hier unter einfachsten Bedingungen. Auf meine Frage, ob es sehr kalt sei nachts, blickte ich in sieben nickende Gesichter. Die Matratzen und Decken sind in Ordnung, aber vielleicht können wir noch weitere Decken für die kalte Jahreszeit organisieren. Die Räumlichkeiten machen einen sehr gepflegten Eindruck. Wir fotografierten die Mönche und Patenkinder und wanderten schließlich weiter nach Garma/Dulumse, zu Sonams Eltern. Unterwegs kamen wir an einem beeidruckenden Gebäudekomplex vorbei, eine „Technical School“, die sich noch im Bau befand. Schwerpunktmäßig soll hier Tourismus gelehrt werden, sowie Guides und Profikletterer ausgebildet werden. Eine gute Zukunftsoption für unsere älteren Patenkinder, damit sie nicht in das teure Kathmandu zur Weiterbildung ziehen müssen.

Wir kamen kurz an der Baustelle für die Behindertenschule in Garma vorbei, werden aber in zwei Tagen nochmal hierher zurückkehren, um Details zu besprechen, da es bereits dunkel wird. 

Bei Sonams Eltern waren wir überrascht zu sehen, dass sie ihren Teashop unten  an eine junge Hindufamilie verpachtet hatten und sich nun oben in einem neuen kleinen Küchenanbau versorgten.

 

21.11. Mukli 

Wir wanderten über Nele Bazaar nach Mukli. Die Schule mit ca. 350 Schülern hatte schon mehrfach um Hilfe gebeten, auch Walter Staaden war bei seinem letzten Einsatz im Frühjahr 2013 hier. Schüler waren keine auf dem Gelände, aufgrund der Wahlen waren Ferien. Wir trafen den Schulleiter und einen weiteren Lehrer. Die sanitären Anlagen waren in sehr schlechtem Zustand. Die Sickergrube lief aus und beschmutzte den Bach, der durch das Dorf fließt.

Fließend Wasser ist durch einen Brunnen ausreichend vorhanden. Ein Gebäude war in äußerst baufälligem Zustand. Im oberen Stockwerk befinden sich zwei Räume für die Lehrer, wobei einer der beiden kaum mehr nutzbar und einsturzgefährdet ist.  Im Untergeschoß gibt es zwei weitere Klassenzimmer, ebenfalls baufällig und in schlechtem Zustand. Die Hilfsanfrage der Lehrer bezog sich schwerpunktmäßig auf einen Neubau anstelle des alten Gebäudes mit 4-6 Räumen. Unserer Ansicht nach, ist in erster Linie ein präventives Angebot wichtig, um neue sanitäre Anlagen zu errichten.  Wir machten keine Zusagen sondern versprachen, die Hilfsanfrage in Deutschland  weiter zu diskutieren. Zunächst muss unser derzeit großes Projekt, die Behindertenschule, abgeschlossen sein.

Abends wanderten wir nach Maidel.  Überall wurde aufgeregt über die Wahlergebnisse spekuliert.

 

22.11. Maidel

In der Schule in Maidel wurden wir mit einer kleinen, herzlichen Zeremonie begrüßt. Danach besuchten wir alle Schüler in ihren Klassenzimmern. Begeistert leierten die Schüler englische Texte herunter oder sangen die Nationalhymne, während Miri sie mit ihrem BR Mikrophon aufnahm. Wir besuchten die Patenkinder hier, übergaben die Post der Paten und informierten die Lehrer über die Grundlagen des Patenschafts-Programms. Die Gebäude sind in sehr gepflegten Zustand, viele Schulmaterialien wurden gemeinsam mit den Kindern gebastelt und verzierten die Klassenräume. Auch die 120 Schüler in Maidel möchten wir dringend mit warmen Jacken für den Winter ausstatten und suchen dafür weitere Spender für 10€/Jacke. 

Während wir zurück nach Nele wanderten, begegneten wir einer Mutter mit ihrem Sohn. Der Junge war ca. 13 Jahre alt und ab der Hüfte gelähmt. Sein Bruder hatte ihn von zuhause hierher getragen. Im Radio hatte der Junge einen Bericht über unser neues Schulprojekt für körperbehinderte Kinder gehört, und von da an ständig seine Mutter gebeten, nach Dulumse zu wandern, um ihn dort anzumelden. Sein größter Traum ist es, zur Schule gehen zu dürfen. In Nepal ist dies für behinderte Kinder in den Bergen kaum möglich. In der Siddharta School könnte er dann im Hostel wohnen und mit anderen Kindern gemeinsam unterrichtet werden.  Der Junge war so schüchtern, wie ich es noch nie bei einem Kind erlebt habe. Nur sehr selten verlässt er sein Elternhaus. Seine  Geschwister versuchen ihm zu helfen und erzählen ihm zuhause, was sie in der Schule gelernt haben. So hat er sich nun das Alphabet beigebracht. Als er kurz seinen Kopf anhob, um uns zu begrüßen, blickten wir in unsichere aber ausdruckstarke, neugierige und wissbegierige Augen. Wir freuen uns sehr, dass wir bald mehreren behinderten Kindern den langersehnten Schulbesuch ermöglichen können. 

In der Jogara Primary School in Nele Bazaar wurden wir auch herzlichst willkommen geheißen.

Heute nachmittags wurde der Sieg der Congress-Party im District bekannt gegeben, weshalb sich ein Großteil der Dorfbevölkerung zur „Wahlsieg-Party“ nach Salleri aufgemacht hatte. Dafür hatten wir viel Zeit mit den Kindern. „Bhaje“ (nepali für Großvater), mein Schwiegervater, besuchte hier sein Patenkind und löste viel Begeisterung aus. 

Begeistert nahmen die Lehrer und Eltern auf, dass die Rotarier Wetzlar noch einmal eine großzügige Summe für die Erweiterung der Schulgebäude gestiftet hatten.

Im Dunkeln wandern wir noch eineinhalb Stunden nach Garma zurück.

 

23.11.

Markttag in Salleri

Es gab viele schöne Begegnungen mit Eltern der Patenkinder, Lehrern und ehemalig geförderten Schülern.

 

24.11. Dulumse 

Morgens gingen wir gleich in die Siddharta Primary School in Garma/Dulumse. Die Lehrer hier sehen sich immer noch vor dem Problem, dass sie die Qualitätssicherung des Unterrichts nicht schaffen. Im Vergleich zu anderen Schulen ist die Ausbildung der Lehrer schlechter. Hilfreich wäre eine Fortbildung durch einen Lehrer/ Coach aus  KTM. Eine Fortbildung einzelner Lehrer in KTM würde das Risiko beinhalten, dass der Lehrer dann an eine bessere Schule abwandert und das Lehrniveau in der Siddharta Primary School auf dem selben Level bleibt. Die sehr engagierte und gute Englischlehrerin heiratet bald und wird dann fortziehen.  

Wir haben in der ersten Klasse neue Kinder als Patenkinder aufgenommen, um der Schule eine kontinuierlichere Unterstützung zuzusichern, die Patengelder für die behinderten Kinder werden für deren Lebenshaltungskosten im Hostel komplett benötigt werden. Die Patengelder für Schulkinder können projektbezogen verwendet werden. 

Die Baustelle für die Behindertenschule ist im Rohbau fertig gestellt. Aufwendig war in den letzten Wochen der Transport von Sand aus dem Flussbett im Tal. Durch die Straßenbauarbeiten sind die Löhne in die Höhe geschossen, es wird schwieriger Arbeiter zu finden. Wichtig wird noch sein, das alte Schulgebäude in den kommenden Wochen zu sanieren, damit die Ausgangsvoraussetzungen für alle Schüler gleich sind.

Die behinderten Schüler sollen im März 2014 zum neuen Schuljahr aufgenommen werden. Bislang haben sich bereits mehrere Familien um einen Platz in der Behindertenschule beworben. Als Staff für das Hostel hat sich ein ehemaliger Mitarbeiter aus dem Hostel der Garma Secondary School beworben, gemeinsam mit seiner frisch vermählten Ehefrau. Ich würde dies befürworten, da er über einige Jahre Erfahrung im Hostel mit gehörlosen Kindern verfügt und einen sehr liebvollen und fürsorglichen Umgang gezeigt hat. Das Ehepaar wäre dann für die Rundum-Versorgung der behinderten Kinder zuständig.

Am Nachmittag wanderten wir weiter nach Sekar Sing und besuchten die dortige Schule und  die Patenkinder. Die Rückmeldungen der Lehrer über unser Volunteerprogramm, insbesondere Benjamin waren durchweg positiv. Die einzige Bitte des Schulleiters war, bitte künftig nur Volunteers zu schicken, die mindestens sechs Monate bleiben können. 

Wir überreichten auch die Briefe der „Penfriends“ aus dem Münchner Waisenhaus.

 

25.11.

Garma - Phablu

Auf dem Schulhof der Garma Secondary School wurden wir fröhlich empfangen von hunderten Schulkindern, die ordentlich in Reihen aufgestellt in die Hände klatschten und uns weiße Kathas und Blumenketten um den Hals hängten. Immer wieder beeindruckend ist die Aufgeschlossenheit und Kommunikationsfreude der gehörlosen Kinder, die begeistert die Sing- und Klatschspiele mit nachmachten, die ihnen unser Fotograf Max vormachte. Auch von den älteren Kindern aus dem Hostel, die mittlerweile beeindruckend gut englisch sprechen können, bekamen wir viele bewegende und herzliche Rückmeldungen.

Thema einer Sitzung im kleinen Kreis mit Schulleiter Binod Tamang, Sonam und einem weiteren Lehrer war die künftige Entwicklung, Probleme und Fortschritte der Schule. Die nepalesische Regierung fördert ein Programm zum Anbau von Gemüse und stellt dafür Land zur Verfügung. Garma ist aufgrund der äußerst positiven Entwicklung in den letzten Jahren die einzige Schule im Solu Khumbu, die für dieses Programm nominiert wurde.

In den kommenden vier Tagen wanderten wir zielstrebig durch - bis wir Jiri erreichten, von wo aus wir mit dem Bus nach Kathmandu zurück fahren konnten. Eine Nacht waren wir im Kloster Serlo eingeladen und wir freuten uns sehr, die Mönche, die Lehrer und Jangmou zu treffen.

1.-3.12. Kathmandu

In Kathmandu trafen wir die Patenkinder, die hier zur Schule gehen oder ein College besuchen. Mittlerweile sind die ältesten geförderten Schüler 19 Jahre alt. Seit über sieben Jahren begleite ich nun ihre Entwicklung und es ist beeindruckend, wie hochmotiviert sie ihre Chancen auf Bildung wahrgenommen haben und es weiterhin tun. Ein ganz herzliches Dankschön, an alle Paten die dies möglich gemacht haben – über viele Jahre hinweg!

Ein Schüler der Gehörlosen-Klasse in Garma besucht mittlerweile eine weiterführende Gehörlosenschule in Kathmandu. Wir hoffen, seine Ausbildung hier so weit vorzuführen, dass er eines Tages als Lehrer für die jüngeren gehörlosen Kinder nach Garma zurückkehren kann. Der Besuch an der Central Higher Secondary School for the Deaf war sehr beeindruckend. Wir wurden von vielen aufgeschlossenen Schülern zügig zu Pratab geführt, aufgrund der Pausensituation erschien es uns schwierig, ihn zwischen den Hunderten von Schülern zu finden, aber die souveränen Kommunikationsformen der Schüler zeigten eindrücklich, wie gut sie uns verstanden und sich mitteilen konnten - sei es durch Gestik, Mimik oder durch das geschriebene Wort auf nepali oder englisch.

 

4.12. KTM-Delhi-Frankfurt

Aufgrund der Wahlen hatten die meisten Schulen Ferien, weshalb wir leider nicht alle Patenkinder persönlich erreichen konnten. Wir haben uns sehr bemüht, trotzdem möglichst viele Kinder zu besuchen.

Nach knapp drei beeindruckenden Wochen voller schöner Begegnungen und spannenden Erfahrungen machten wir uns wieder auf den Weg zurück nach Deutschland und freuten uns auf eine besinnliche Vorweihnachtszeit.

 

 

 

 

 

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